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Schülerzeitung des Mercator-Gymnasiums

Nr. 03 * März 1991* S. 35

Türkische Mädchen zwischen  zwei Kulturen

Ich glaube, es kommt oft vor, daß man bei türkischen Menschen viele Verhaltensweisen nicht versteht und sich fragt: »Warum sind sie so? Warum verhalten sie sich gerade so und nicht anders?«
Um das zu verstehen, muß man sich näher mit der türkischen Kultur auseinandersetzen und lernen, wie sich Menschen in anderen Kulturkreisen verhalten. Viele wissen wenig über das »Warum«, und aus Unkenntnis bilden sich Vorurteile gegen Türken, die sich auch in Redegebräuchen wie zum Beispiel »die Türken sind...« niederschlägt.
Aus Unkenntnis
   bilden sich
   Vorurteile
Die Türkei ist ein Agrarland mit einem wenig entwickelten Industriesektor. Die Hälfte der Bevölkerung ernährt sich mehr schlecht. als recht, meist am Rande des Existenzminimums. 82% der Bauern besitzen keinen oder nur sehr wenig Boden, 2% dagegen besitzen fast 30% der gesamten Bodenfläche. Die armen Menschen erhoffen sich, in der Stadt ein Leben unter besseren Bedingungen, was zu einer ständigen Landflucht und somit einer Überfüllung der Städte in der Türkei führt. Die Industrie ist nicht in der Lage das Arbeitskraft- potenzial aufzunehmen, und die Arbeitslosigkeit ist dementsprechend hoch. Viele Türken emigrieren aus diesem Grunde in die Industriestaaten, um ihren Familien eine Existenz zu ermöglichen.

Die Rollenverteilung innerhalb der Familie stellt sich so dar, daß der Mann das Familienoberhaupt bildet 

und über die Angelegenheiten in der Familie entscheidet, die Frau untersteht ihm und hat Gehorsam zu leisten. Jungen und Mädchen werden unterschiedlich auf ihr Leben bzw. auf ihren Platz in der Gesellschaft vorbereitet.
Jungfräulichkeit
 als   unbedingte Voraussetzung
Das kleine Mädchen verbringt die meiste Zeit zusammen mit seiner Mutter und wird schon früh von ihr zur Mithilfe im Haushalt angehalten. Die Jungfräulichkeit der Tochter ist unbedingte Voraussetzung für die Eheschließung, sie stellt sozusagen die Ehre der Familie dar. Es läßt sich
da
her leicht vorstellen, unter welchem Druck durch
ein solches Brauchtum nicht nur das junge Mädchen, sondern seine ganze Familie stehen, und mit welcher Strenge Vater und Sohn über seine Ehre wachen.

Der türkische Junge wird nicht zur Hausarbeit herangezogen und erfährt durch die Beschneidung, bei der die Vorhaut des Penis entfernt wird (viertes bis achtes Lebensjahr) eine Aufnahme in die Männer- Gesellschaft. Türkische Männer sprechen in Gesellschaft nicht von ihren Frauen, und man sieht beide recht selten zusammen. Ein Mann soll seine Zuneigung zu seiner Frau nicht zeigen, dies würde als ganz und gar unschicklich, beschämend angesehen werden. Dies ist nicht unbedingt so, weil er sie wenig schätzt, sondern weil es unschicklich und ungehörig ist, auf persönliche Gefühle aufmerksam zu machen und sie Drittpersonen wissen zu lassen.
Mittlerweile wächst in Deutschland die dritte Generation der Türken heran. 
Diese jungen Türken sind nicht in der Türkei geboren und kennen sie höchstens aus dem
Urlaub. Auch reicht ihr Türkisch meist für den »Hausgebrauch«,  ihre »Muttersprache« aber 

ist Deutsch. Die in Deutschland lebenden Tüken werden in ihrem eigenen Land als »Deutschländer« bezeichnet, sie gehören nicht mehr richtig dazu.
Ein türkisches Mädchen zum Beispiel hat bestimmte moralische Verpflichtungen innerhalb seiner Rolle in der türkischen Gesellschaft. So muß es bis zur Hochzeit Jungfrau sein, ist für den Haushalt verantwortlich, somit auch häufig aus dem Berufsleben ausgeschlossen.

»Deutschländer« gehören nicht mehr
richtig dazu.

Die westlich geprägte Kultur ist gänzlich gegen- sätzlich, eine Frau, die keinerlei sexuelle Erfahrungen vor der Ehe gemacht hat, gilt als Ausnahme, das Prinzip der Gleichberechtigung
prägt breite Schichten der Gesellschaft, und das Teilnehmen der Frau am Berufsleben
ist selbstverständlich.

Diese krassen Kulturgegensätze brechen also über diese türkischen Mädchen herein, und je strenger und stärker dem Mädchen die türkische Kultur vermittelt wurde, desto größer ist sein innerer Konflikt.
Sicherlich ist es nicht einfach, das »Warum«, das dahinter steht,  zu verstehen, doch Vorurteile lassen sich durch Toleranz und gegenseitiges Verständnis abbauen.

Silke Hartmann